Welch ein Theater im Rathaus

Drei-Schulen-Theater hält der Demokratie mit »Qual der Wahl« den Spiegel vor.

Schloß Holte-Stukenbrock(WB). »Theater ist oft genug im Ratssaal. Auf diese Weise ist es aber eine Premiere.« Bürgermeister Hubert Erichlandwehr hat dem Drei-Schulen-Theater unter der Leitung von Demokrat Ramadani für drei Aufführungen von »Die Qual der Wahl« den Sitzungssaal zur Verfügung gestellt. »Ich bin sehr beeindruckt. Das Stück ist Werbung für die Demokratie.«

»Gewohnt professionell, wirklich klasse«, lobt Erichlandwehr die Gruppe, die bereits in der Aula der Realschule und im Evangelischen Jugendhaus gespielt, aber zuletzt auch die Evangelische Versöhnungskirche zur Bühne gemacht hat.

100 Zuschauer werden im Foyer von einem Stillleben der Darsteller empfangen. Zu jedem Akteur gibt es wie im Museum eine Beschreibung. Während die römischen Namen aus dem Original von William Shakespeare (»Die Tragödie des Coriolanus«) stammen, sind die der Parteigenossen Aufidius’, des Herausforderers um das Amt des Konsuls, an die Oppositionsparteien im Rat der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock angelehnt – Socilius (SPD), Grunus (Grüne) und Friborius (FDP). Das Foyer sieht einem Wahllokal ähnlich, die Zuschauer bekommen ihre Karten (Wahlunterlagen) auch nach Alphabet geordnet.

Aufwendig die »Dekoration« mit professionell gedruckten Wahlplakaten – wie im richtigen Leben mit skurril bis sinnlos klingenden Botschaften wie »Ein Fluch entwurzelte eines jeden Herz, der nicht mit Freuden ihn erblickt« oder »Blindschleichen waren kein Gegner für diesen Greifvogel«. Der Kandidat der Mehrheit für das Amt des Konsuls, Coriolanus, legt das Gewehr auf den Holzadler an, sein Widersacher, Aufidius, kniet in verzagter Verliererpose neben ihm. Wer gesellschaftlich Erfolg hat, scheint auch vorbestimmt für ein politisches Amt.

Der Ratssaal ist mit römischen Säulen dekoriert, es bleibt aber der Ring, an dem die Politiker sitzen. Hier nehmen Zuschauer Platz, nur wenige Plätze sind für die politischen Lager reserviert. Im Rund sitzen Zuschauer, die Tribüne ist voll besetzt. Die Schauspieler haben die Kommunalpolitiker genau beobachtet: Nicken, sich gegenseitig mit Blicken der Zustimmung versichern, gemeinsam abstimmen, zurücklehnen – eine gebetsmühlenartig wiederholte Eingangssequenz.

Die absolute Mehrheit will Coriolanus, den Usurpator, zum Konsul machen. Gut, wenn man weiß, dass Usurpator die Person bezeichnet, die widerrechtlich die Gewalt im Staat an sich reißt. Ein Ränkespiel mit dem Widersacher aus dem anderen Lager entspinnt sich, begleitet von »Presseartikeln«, die auf die eine Leinwand projiziert werden und Facebook-Kommentaren auf der anderen Leinwand. Die wandeln sich zum Höhepunkt in einen Shitstorm. Im Anschluss an das Stück wird eine Zuschauerin sagen, sie sei ständig abgelenkt gewesen, habe der Handlung nicht mehr folgen können. Sie macht den Eindruck, dass sie zum Stück gehört, als sie fragt: »Warum habt ihr uns das angetan?« Eben deshalb. Der Leiter des Stücks, Demokrat Ramadani: »Das ist Effekthascherei. Und die Frage, wo politische Diskussion stattfindet. Im Rathaus, auf dem Marktkaufpark-Platz oder in Facebook-Gruppen? In der realen oder in der virtuellen Welt?«

Im Publikum sitzt auch Bruno Reinke, Ratsherr der Grünen. »Ähnlichkeiten sind beabsichtigt« ist er begeistert. »Was mir gefallen hat: Eine absolute Mehrheit entbindet nicht von der Pflicht zur Argumentation. Und: Nicht der Senat, sondern das Volk entscheidet.« Denn es geht um Demokratie in dem Stück, und das Verhältnis zwischen dem Volk, dem Souverän, und den Politikern. Es geht um Wahlzettel und Denkzettel, um Sätze, deren Verfallsdatum nicht ablaufen. Es geht um makabere Machtspiele, Schieflage der Prioritäten, Machtkalkül statt Menschenherz. Es geht um Politikverdrossenheit und Wahlbeteiligung, alles mit Schaubildern an der Wand des Ratssaals verdeutlicht. Viel zu viel Information auf einmal, viel zu komplex als dass es in zwei Stunden verstanden werden kann. Wie in der politischen Wirklichkeit.

Die beiden Lehrerinnen der Realschule, Daniela Hartmann und Claudia Brhel, platzen fast vor Stolz: »2006 haben sie in der Realschule angefangen. Toll, dass sie über all die Jahre noch zusammen Theater spielen. Sie sind uns über den Kopf gewachsen.«

Demokrat Ramadani bedankt sich: »Dass wir hier im Ratssaal spielen dürfen, zeigt mehr über diese Stadt als alle Schaubilder.« Von Sonja Mursch und Daniel Berger vom Evangelischen Jugendhaus bekommen die Akteure der bereits als »Leuchtturmprojekt« ausgezeichneten Gruppe Rosen.

Die »Qual der Wahl« wird diesen Samstag ab 19 Uhr noch einmal gezeigt, Einlass ist ab 18.45 Uhr.

Quelle: NeueWestfälische vom 12.03.2016